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Mama, hat Papa mich nicht mehr lieb?“

 

Erlebnisse und Selbstwertgefühl der Kinder aus

 Trennungsfamilien

Leseprobe Kapitel 8 aus dem Buch


"Selbstwert und Beziehung"

Inhalt in Kapitel 8

- Was Kinder und Jugendliche erleben

- Der Kampf der Eltern um die Liebe des Kindes

- Die Rolle des Vaters: Was ist, wenn er fehlt?

- Vater–Sohn-Beziehung

- Vater–Tochter -Beziehung

- Aktuelle Forschung: Selbstwert und Gesundheit

  der Trennungskinder

 

Wenn Eltern eine Trennung planen oder sich schon getrennt haben, machen sie sich meist Sorgen um die Kinder. Manche schieben eine Trennung solange hinaus, bis die Kinder das Jugendalter erreicht haben. Denn sie glauben, dass ältere Kinder eine Trennung besser verarbeiten können und weniger seelischen Schaden davon tragen.

 

-Was erleben die Kinder in der akuten

 Trennungsphase wirklich?

 

-Wie geht es ihnen, wenn die Trennung der

 Eltern schon ein Jahr oder länger

 zurückliegt?

 

-Kann es ernste Probleme für ihre Gesundheit

 und ihr Selbstvertrauen geben?

 

-Wie kann man ihnen helfen?

 

Das sind die Fragen, auf die ich in diesem Kapitel eingehe. Lassen wir zuerst die Kinder und Jugendlichen, deren Eltern sich aktuell trennen oder schon länger getrennt sind, selber zu Wort kommen. Anschließend werde ich ihre Erlebnisse und die Folgen elterlicher Trennung aus der Sicht der Erziehungsberatung, Psychologie und Forschung beleuchten.

 

Was Kinder und Jugendliche erleben

 

Nickis Eltern stehen in der akuten Trennungsphase und in seiner Not hat er sich an Jugendberatung der bke gewandt. Hier kann er auf dem Jugendforum der Beratungsstelle (1) loswerden, was ihn bedrückt:

„Hallo, ich weiß auch nicht es kommt alles zusammen, das ist schrecklich. Meine Eltern verstehen sich nicht mehr so gut. Sie streiten nur noch und schreien sich an. Sagen auch, dass es viel besser wäre, wenn sie sich trennen. Meine kleinere Schwester ist weinend zu mir ins Zimmer gekommen. Sie hat wieder einen Streit mitbekommen und hat total geweint. Sie hat Angst, hat sie mir gesagt, ich konnte sie etwas beruhigen. Nun ist sie weiterhin in meinem Zimmer. Ihr geht´s gar nicht gut. Aber ich bin überfordert, weil es mir selbst grad´ schrecklich geht. Ich habe das Gefühl, diesen Druck in mir rauslassen zu müssen. Kann mir jemand helfen? Und meine Eltern? Die können sich doch nicht einfach trennen!“ (2.)

 

Wie alle kleinen Kinder, die spüren, dass ihre Familie zerbricht, wird Nickis kleine Schwester hier von Verlustangst überwältigt. Sie nimmt bei ihrem älteren Bruder wie zu einem Ersatzvater Zuflucht. Doch auch der jugendliche Bruder fühlt sich schwach und hilflos. Zusätzlich zu seinen eigenen bedrückenden Gefühlen muss er jetzt auch noch die Ängste der kleinen Schwester tragen. Offenbar sind die Eltern so mit sich selbst beschäftigt, dass sie die Not der Kinder nicht wahrnehmen.

 

Die Jugendberaterin der bke steht ihm mit Empathie und Trost bei:

 „Deine Eltern müssen etwas tun und verändern. Und für dich heißt es: das zu tun, was in deiner Kraft liegt: traurig sein, wütend sein und gut zu sich selbst sein. Du darfst wütend sein, dass es so ist wie es ist und deine Schwester darf weinen, weil es sie traurig macht. Aber es soll nicht immer so bleiben. Wenn der Sturm vorbei ist, wirst du etwas besser sehen können und heute: abwarten und dabei nicht versinken.“ 

 

Mit diesem Mitgefühl der Jugendberaterin kann sich Nicki noch mehr mit seine Gefühlen zeigen:

 „Ich verspüre Wut und Traurigkeit. Ich will das alles nicht. Wieso tun die Eltern uns das an? Ich verstehe mich nicht so gut mit ihnen, aber das heißt nicht, dass mich das total kalt lässt! Ich liebe beide und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich kann nicht mit ansehen wie meine Schwester leidet. Sie hat das nicht verdient. Ich hab´ das Gefühl weglaufen zu müssen, einfach wegrennen, aber ich kann sie jetzt nicht alleine lassen, sie braucht mich.“

 

Den Wunsch dieses Jugendlichen nach Flucht vor den familiären Konflikten kann man als Selbstrettungs- und Befreiungsversuch vor dem unerträglichen Streit der Eltern auffassen. Aber wo soll er hin?

 

Kleine Kinder sind weniger in der Lage, ihre Sorgen und Ängste auszudrücken. Oft aber können sich trennende Eltern Sätze hören wie: „Bitte Papa, bleib hier, ich werde jetzt ganz brav sein.“ In der egozentrischen Phase ihrer kognitiven Entwicklung können sich die Kleinen kaum vorstellen, dass sie selbst nicht die Schuld haben, dass es für die Trennung der Eltern andere Gründe gibt, die außerhalb ihrer Person liegen. Die meisten Kinder wollen, dass sich ihre Eltern wieder vertragen. Hat es aber in der Familie schon lange Konflikte gegeben, kann es auch als Entlastung erlebt werden, wenn ein Elternteil auszieht. In der akuten Trennungsphase zeigen sich bei den kleinen Kindern regressive Tendenzen. Sie klammern sich an einen Elternteil, wie sie es vor der Trennung lange nicht mehr getan hatten. Sie nässen in der Nacht ein. Sie spielen wieder mit Spielsachen, denen sie längst entwachsen waren. Wut und Wutanfälle auf die Eltern sind in jeder Altersstufe eine häufige Reaktion.

 

Manche Eltern leiden unter dem Trennungsschmerz ihrer Kinder mehr als unter ihrer eigenen Traurigkeit, wie auch diese Mutter:

 „Ich versuche meine Tochter aktuell in der schwierigen Situation zu stützen ... aber wenn sie leidet, zwingt mich das auf die Knie. Eigentlich müsste ich selbst leiden, aber ich bin stolz darauf, alles doch besser als gedacht hinzubekommen ... nur die Kleine schafft mich, wenn sie mich nach dem 'Warum' fragt. Das ist ein Schmerz, den ich kaum aushalte ... und sie wegen dieser Situation weinen zu sehen, bringt mich an den Rand meiner Kräfte.“ (3.)

 

Auch Marco erlebt verzweifelte Traurigkeit und drückt sie in einem Forum so aus:

 „Am Anfang dieses Jahres haben sich meine Eltern getrennt. […] Manchmal sitze ich abends auf meinem Bett und weine – all´ diese Erinnerungen. Ich lebe jezz bei meiner Mutter und meine 2 Brüder sind bei meinem Vater. […] Ich vermisse meine Brüder und am meisten meinen Hund. Weiß einfach nicht mehr weiter.“ (4.)

 

Marco hat seine Gefährten und sozialen Ressourcen verloren, die ihm helfen könnten, die Trennung der Eltern zu verarbeiten, ohne depressiv zu erkranken. Die Bedeutung von Geschwistern, aber auch von Haustieren für die Regulation des emotionalen Gleichgewichts darf gar nicht unterschätzt werden! Die Geschwister und sein Hund könnten Marcos Einsamkeit lindern und ihm das Gefühl bewahren, sich bei seiner Mutter weiter zu Hause zu fühlen, auch wenn der Vater fehlt.

 

Dieses Gefühl von „zu Hause sein“ und Geborgenheit und vor allem ihren Vater vermisst auch diese Jugendliche:

 „Vor dreieinhalb Jahren […] haben sich meine Eltern getrennt. Mein Vater hatte gleich ne´ neue Freundin, und wir sind alle woanders hingezogen. Ich lebe mit meinem kleinen Bruder und meiner Mama in meiner Geburtsstadt, mein Vater eine Stunde entfernt. […] Mein kleiner Bruder und ich reisen jedes zweite Wochenende zu unserem Dad und  in der Hälfte der Ferien. […]. Seit der Trennung hab ich kein richtiges Zuhause mehr. Also keinen Ort, wo ich mich richtig wohl fühle, geborgen, beschützt. Wo ich die sein kann, die ich wirklich bin. Bzw. ich hab´ auch keine Person, wo ich mich so geborgen fühle. Ich hatte schon immer ein besseres Verhältnis zu meinem Dad als zu meiner Mama, weil er mich meine ersten fünf Lebensjahre groß gezogen hat, während meine Mutter arbeiten war. Jetzt sehe ich ihn aber selten, und seine Freundin hat ihn total verändert: Er nimmt mich kaum noch in die Arme, weil ich ja schon fünfzehn bin. Deshalb fühle ich mich bei ihm (vor allem, wenn seine Freundin da ist, da ist er nämlich noch schlimmer) auch nicht mehr wohl.“ (5.)

 

Probleme mit der Akzeptanz der neuen Partnerinnen ihrer Eltern haben viele Kinder und Jugendliche. Wenn weibliche Jugendliche nach der Trennung der Eltern die Nähe und Zärtlichkeit, aber auch die Anerkennung des Vaters zu sehr vermissen, können erotische Liebesbeziehungen mit Gleichaltrigen ein Ersatz sein. Das Risiko besteht nun darin, dass sie in einem zu frühen Alter sexuelle Beziehungen und Bindungen eingehen und ihre Identitätsentwicklung beeinträchtigt wird. Denn die Entdeckung und das Ausprobieren der verschiedenen möglichen Begabungen und Interessen, die eine Jugendliche haben kann, werden durch die Fixierung auf Beziehungen und das Erotische blockiert.

 

Die neue Partnerin des Vaters ist auch für diese Jugendliche ein Problem:

„Meine Eltern sind schon seit fünf Jahren getrennt und momentan komm´ ich damit sogar klar. Aber das Problem ist, dass mein Vater eine Freundin hat, schon seit vier Jahren, und ich sie nie kennen lernen wollte. Und immer gesagt habe, dass ich sie hasse. Obwohl ich sie nicht mal´ kenne. Ich hab´ jetzt Schuldgefühle und möchte sie irgendwie doch kennenlernen. Mein Dad war selten so glücklich, bevor er sie hatte.“ (6.)

 

 

Dieses Erlebnisbeispiel zeigen, dass Groll, Eifersucht und sogar Hass das Erleben der Trennungskinder jahrelang beherrschen können – wenn man ihnen nicht hilft, über ihre Gefühle zu sprechen. Für die meisten Kinder könnte die Mutter die unmittelbar verfügbare und vertrauteste Gesprächspartnerin sein. Da im Verlaufe von Trennungs- und Scheidungsverfahren in der weit überwiegenden Zahl der Fälle entschieden wird, dass die Kinder bei der Mutter ihren Lebensmittelpunkt haben, bleibt für das Kind meist die Mutter die ihm nächste Bezugsperson. Wenn es ihr gelingen kann, ihre vielen Alltagsprobleme kompetent zu bewältigen und einen gewissen Grad an Selbstvertrauen und emotionaler Stabilität zu bewahren, kann sie für ihr Kind ein positives Modell für Problembewältigung sein.

 

Es ist für Kinder zutiefst beunruhigend, wenn sich die bislang stabilen sozialen Beziehungsstrukturen innerhalb und außerhalb der Familie auflösen durch Auszug eines Elternteils, Wohnort- und Schulwechsel und Verlust der Freunde. Hier könnte ein emotional stabiler Elternteil dem Kind ein Stück Sicherheit und Verlässlichkeit vermitteln und sein Selbstvertrauen durch Modelllernen stabilisieren. Um das emotionale Gleichgewicht nicht völlig zu verlieren, müssten Kinder die Erfahrung machen können, dass nicht alles im Leben unberechenbar und verloren ist und ihnen wenigstens ein Elternteil, am besten aber auch noch Großeltern und weitere vertraute Personen bleiben.

 

Wie wir im vergangenen Kapitel beschrieben, haben leider die Eltern durch den Prozess der Trennung selbst ein solches Ausmaß an eigenen Problemen zu bewältigen, dass vielen von ihnen die innere Freiheit fehlt, um sich den Nöten ihrer Kinder zuzuwenden. Das Depressionsrisiko von alleinerziehenden Müttern ist gegenüber den in Partnerschaft lebenden oder verheirateten Müttern um das Doppelte erhöht! (Franz, Matthias 2013, S. 82 f.) Wir können davon ausgehen, dass mindestens 20 Prozent der alleinerziehenden Mütter unter Depressionen leiden. In Kapitel 5 und 6 wurde ausführlich dargestellt, in welcher Weise sich Depressionen ungünstig auf das Eltern-Kind-Verhältnis, die Erziehung und die emotionale Versorgung der Kinder auswirken.

 

Der Kampf der Eltern die Liebe des Kindes

 

Der Preis der Trennung ist für alleinerziehende Mütter häufig neben Depressivität auch die Überlastung durch viele Alltagsaufgaben. Der Preis für die Väter ist dagegen oft die Entfremdung von ihren Kindern. Für Väter ist diese Entfremdung die größte seelische Katastrophe. Sie wollen meist ihre Kinder nicht verlieren, sie in ihrer Nähe haben und streiten daher mit ihren Ex-Partnerinnen um den Lebensmittelpunkt des Kindes. Wenn juristisch entschieden wurde, dass das Kind mit seinem Lebensmittelpunkt bei der Mutter bleibt, geht dennoch der heftige Streit um das Umgangsrecht weiter. Besonders schmerzlich ist es nun für einen Vater, wenn er merkt, dass sein Kind selbst im Laufe der Zeit an dem Umgang mit ihm, an Besuchen und gemeinsam geteilter Zeit immer weniger Interesse hat. Wie passt das mit den oben beschriebenen Erlebnissen der Kinder und Jugendlichen zusammen, die doch ganz viele Trauer und Sehnsucht nach dem Vater zum Ausdruck bringen?                         ......

 

Ende der Leseprobe!

Das komplette Buch

 

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Diese Texte im pdf-Format können Sie herunterladen:

Das verlorene Selbstwertgefühl

Masken des Minderwertigkeitsgefühls

Q
uellen des guten Selbstwertgefühls

Psychisch kranke Mütter: Was erleben ihre Kinder?

Von Sehnsüchten, Ängsten und Wegen zum Sinn

 

Quellen und Literatur aus der Leseprobe zu Kapitel 8

Jürgen Bendszus (2019) Selbstwert und Beziehung.  Quellen unserer Selbstachtung und was sie verletzt!

Franz, Matthias (2013) Elterliche Trennung und Scheidung – Folgen und Risiken für die Kinder. In: Matthias Franz/André Karger (Hg.). Scheiden tut weh. Elterliche Trennung aus Sicht der Väter und Jungen, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

 

Anmerkungen und Internetquellen:

1.) bke: Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V. Die bke ist ein Fachverband für Erziehungs-, Familien- und Jugendberatung.

 

2.)  https://jugend.bke-beratung.de/forum/5/54296/eltern-reden-von-trennung.html?pg[1]

3.)

https://www.rubensfan.de/forum/rundum_leben/eine_frage_an_die_alleinerziehenden

4.) http://www.paradisi.de/Freizeit_und_Erholung/Familie/Trennungskinder/Forum/#frage_189377

 

 

5.) https://jugend.bke-beratung.de/forum/5/64969/kein-zuhause-mehr.html?pg[1]

 

 

6.) https://jugend.bke-beratung.de/forum/5/56581/freundin-des-vaters-kennenlernen.html?pg[1]




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