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Selbstvertrauen aufbauen

Wie wir mehr Selbstsicherheit aufbauen ...
Welche Gründe gibt es für fehlendes Selbstwertgefühl?

gelingendesleben.de

von Dipl.-Päd. J. Bendszus,

HP für Psychotherapie

Themen sind:

Wie fehlendes Selbstwertgefühl die Lebensqualität beeinträchtigt

Welche Ursachen und Hintergründe gibt es für fehlende Selbstsicherheit?

Wie können wir mehr Selbstwert und Selbstsicherheit gewinnen?

Kann Therapie helfen?














 

Ein zu geringes Selbstwertgefühl und fehlende Selbstsicherheit hängen häufig mit anderen seelischen Schwierigkeiten zusammen:

Probleme in Liebe und Beziehung, Probleme am Arbeitsplatz, seelische Verstimmungen und psychosomatische Störungen können durch geringes Selbstwertgefühl vergrößert werden.

Umgekehrt können die Stärkung des Selbstwertgefühls und das Training der Selbstsicherheit helfen, depressive Verstimmungen, Partnerprobleme und andere Schwierigkeiten zu bewältigen.

Ein geringes Selbstwertgefühl ist verbunden mit geringer Selbstsicherheit nach außen in sozialen Situationen und fehlendem Selbstvertrauen in die eigenen Leistungen. Aber ein geringes Selbstwertgefühl kann auch durch eine äußere Scheinsicherheit oder gar Aggressivität verschleiert werden.

Beispiele für fehlende Selbstsicherheit aus dem Alltag

Karsten  ist 23 Jahre, Student, und wünscht sich eine Freundin. Aber er glaubt, nicht attraktiv genug zu sein. Er fürchtet, er würde zurückgewiesen, wenn er die nähere Beziehung zu einer Frau sucht.

Viele, die sich nicht für attraktiv halten, nehmen an, sie seien zu dick. So war es auch bei Sylvia. Sie hatte durchaus eine erotische Ausstrahlung, verbarg ihren Bauch aber immer durch lange Kleider - den Teil ihres Körpers, den sie als viel zu fett und  „wabbelig“ hielt. Und den sie auch wegen der Schwangerschaftsstreifen nach drei Geburten nicht akzeptieren konnte. Selbst beim sexuellen Akt verbarg sie gegenüber ihrem Mann diesen Körperteil und trug „zum Schutz“ ein langes Nachthemd.

Es ist schon tragisch, wieviel Glück, Lebensqualität und Vertrauen durch diese fehlende Selbstannahme des eigenen Körpers verloren geht! Unglücklich wegen ihrer Schwangerschaftsstreifen ist auch diese Frau:

 „Aber ich stehe oft vor dem Spiegel, sehe die Streifen und weine, weine, weine! Ich weiß, es gibt schlimmere Schicksalsschläge und ich habe ja einen Mann. Aber meine Gedankenspiele machen mich verrückt: was wäre wenn er geht? ... Habe ich durch diese Streifen an Marktwert verloren?“ (1.)

Petra arbeitet in einer Anwaltskanzlei. Sie wird immer häufiger von ihrem Chef gedrängt, unbezahlte Überstunden zu leisten. Sie wagt es nicht, "nein" zu sagen und ihre Wünsche nach Freizeitausgleich zu äußern.

Claudia ist Lehrling in der Stadtverwaltung. Sie hat es schwer, mit den erfahrenen Angestellten vertraut zu werden und hat Angst, Fehler zu machen. Bei informellen Kontakten und Feiern unter den Kollegen fühlt sie sich sehr unsicher und weiß nicht, was sie reden soll.

Simon ist mit 40 Jahren Abteilungsleiter in einem mittleren Unternehmen geworden. Er ist intelligent, sprachgewandt  und sieht mit seinem Vollbart attraktiv aus. Niemand kann sich vorstellen, dass er sich in Wirklichkeit unsicher und in der neuen Führungsaufgabe überfordert fühlt. Das soziale Klima seiner Abteilung ist angespannt, es kommt immer wieder zu Konflikten. Simon versäumt es aus Unsicherheit, als Abteilungsleiter bei Konflikten vermittelnd einzugreifen. Die häufigen Konflikte der Kollegen  beunruhigen ihn, aber er überlässt die Kollegen sich selbst. Die Untergebenen spüren seine Führungsschwäche und verlieren mehr und mehr die Achtung vor ihm.

Geringes Selbstwertgefühl und geringe Selbstsicherheit - Ursachen und Hintergründe 

Menschen mit geringem Selbstwertgefühl glauben und fühlen von sich selbst: Ich habe nicht so viele Rechte wie andere - Ich bin weniger attraktiv als andere - Ich bin nicht so leistungsstark wie andere - Ich kann mich nicht durchsetzen - Andere sind stärker als ich - Andere sind liebenswerter und beliebter als ich - Ich bin nicht einverstanden mit mir - Ich fühle mich nicht in mir zu Hause - Ich kann mich selbst nicht lieben ...

Solche unbewussten Glaubenssätze und Gefühle führen zu unsicherem Verhalten in vielen Lebenssituationen und zu einem Verzicht auf eigene Bedürfnisse und Rechte.

Warum haben manche Menschen mehr und andere weniger Selbstwertgefühl? Aus tiefenpsychologischer Sicht spielen die ersten Lebensjahre eine große Rolle. Je mehr Ermutigung und Bestätigung das kleine Kind von den Eltern und Angehörigen erlebt, um so stärker wird sein Selbstwertgefühl. Umgehrt: Wird ein Kind früh abgelehnt, häufig bestraft, wird es sich auch selbst ablehnen. Am schwersten haben es Kinder, die ungewollt und unerwünscht auf die Welt gekommen sind.

Durch Modelllernen und Identifikation kann das kleine Kind auch Persönlichkeitszüge der Eltern übernehmen. Ist zum Beispiel die Mutter selbst eine überängstliche und selbstunsichere Person, die sich selbst zu wenig achtet, kann das kleine Kind diese Einstellungen übernehmen.

Wenn Eltern ihre Kinder nicht unabhängig von der Erfüllung hoher Erwartungen lieben können, von ihren Kindern nur Erfolge sehen wollen und Fehler als Katastrophen ansehen, kann sich beim Kind das Gefühl einstellen: "Ich bin nichts wert, weil ich die Eltern enttäusche und ihre Erwartungen nicht gut genug erfülle."

Wie ständige überzogene Kritik führt auch häufiges unberechtigtes Lob nicht zu mehr Selbstvertrauen. Denn wenn ein Kind nicht weiß, warum es gelobt wird, kann es seine Stärken und Schwächen nicht realistisch an konkreten Gütemaßstäben einschätzen und bleibt verunsichert.

Ein überängstlicher Erziehungsstil, ein überfordernder Erziehungsstil oder ein vernachlässigender Erziehungsstil können zu einer übermäßigen Ängstlichkeit und inneren Selbstunsicherheit der kindlichen Persönlichkeit führen.

Spätere Erfahrungen in der Schule und in der Gruppe der Gleichaltrigen dürfen im Hinblick auf die Entwicklung von Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit nicht unterschätzt werden. Erfolgserlebnisse in der Schule - bei Jungen besonders im Sport - können ungünstige Früherfahrungen korrigieren und das Selbstwertgefühl steigern. Wird ein Jugendlicher in eine Außenseiterposition gedrängt, häufig gehänselt oder erlebt er Gewalt, können diese Erfahrungen für das Selbstwertgefühl schädliche Auswirkungen haben. Körperliche Attraktivität und Stärke begünstigen die Entwicklung des Selbstwertgefühls, weil sie zu Beliebtheit und sozialer Anerkennung führen. Dennoch gibt es viele Menschen, die trotz körperlicher Attraktivität ein geringes Selbstwertgefühl haben. 

Weibliche Jugendliche erleben mehr Selbstwertgefühl, wenn sie spüren, von anderen anerkannt und bestätigt zu werden - z. B. für ihr Äußeres, aber auch für ihre Persönlichkeit und ihr soziales Verhalten. Wenn sie fühlen, anderen sympathisch zu sein, steigt ihr Selbstwertgefühl. Männliche Jugendliche legen eher Wert auf Wettbewerb und den Leistungsvergleich. Daher hat ein Sieg im Sport eine große Bedeutung für ihr Selbstwertgefühl. Männliche Jugendliche wollen stark sein, aber sie müssen sich für ein gutes Selbstgwertgefühl nicht unbedingt als schön bewerten. (3.) Neu erschienen!

Negative Selbstgespräche halten das negative Selbstbild aufrecht

Wussten Sie, dass wir in Selbstgesprächen tausendmal mehr zu uns selbst als zu anderen Menschen sprechen? Bei kleinen Kindern können wir noch gut beobachten, wie sie beim Spielen zu sich selbst sprechen. Diese Selbstgespräche werden mehr und mehr verinnerlicht, sie laufen unbewusst ab, aber sie hören auch bei Erwachsenen nie auf. Durch Selbstgespräche oder innere Dialoge bewerten wir uns unbewusst ständig selbst - entweder eher positiv (= gutes Selbstwertgefühl, hoher Selbstwert) oder negativ (= negatives Selbstwertgefühl, niedriger Selbstwert) 

Scheue und wenig selbstbewusste Menschen können zum Beispiel im inneren Selbstgespräch ständig zu sich sagen: Ich bin ein Versager - Ich habe immer Pech - Ich kann nie Nein sagen - Die anderen haben immer Glück im Leben - Wer einmal Schwierigkeiten hat, hat sie immer - Andere sind besser als ich - Wenn ich nicht schnell Erfolg habe, dann kommt er überhaupt nicht zustande - Die anderen können mich nicht verstehen - Ich kann mich nicht entscheiden - Ich  haben über meine eigenen Gefühle keine Kontrolle - Ich wirke auf andere unsympathisch - Wenn ich öffentlich was sage, werde ich abgelehnt ... usw. 

Diese negativen Selbstbewertungen sind Ausdruck eines negativen Selbstbildes: Während die betreffende Person von sich selbst ein ungünstiges Bild hat, überschätzt sie andere Menschen. Diese negativen Selbstgespräche führen dazu, dass unsichere Menschen dazu neigen, sich eher zurückzuhalten oder zurückzuziehen. Sie sind wenig risikobereit. Sie weichen in Konflikten aus, nehmen ihre Rechte nicht wahr. Sie lassen Lebenschancen vorbeiziehen. Sie lassen sich in Partnerbeziehungen ausnutzen, auch sexuell! 

Besonders jugendliche Mädchen sind gefährdet! Denn aufgrund ihrer Entwicklungsstufe haben sie noch nicht die verunsichernden biologischen Veränderungen der Pubertät verarbeitet. Viele Mädchen sind sich nicht sicher, ob ihr Körper, so wie er sich entwickelt und verändert, in Ordnung ist. Sie verfügen noch nicht über feste innere Wertmaßstäbe, die sie von äußeren Bewertungen und Urteilen über ihre Person unabhängiger machen. Sie brauchen Bestätigung von anderen, besonders auch männlichen Jugendlichen. Häufige Sexualkontakte können dazu dienen, ein geringes Selbstwertgefühl vorübergehend zu kompensieren. Aber die Jugendliche kann dennoch spüren, nicht wegen ihrer Persönlichkeit, sondern nur wegen des Körpers sexuell geliebt zu werden. Sie kann sich benutzt und ausgenutzt fühlen, wertlos geworden, wenn ihr Sexualpartner seinen Samenerguss hatte. -  Als Folge kann wie in einem Teufelskreis durch anfängliche Selbstunsicherheit, fehlende Selbstbehauptung in Verführungssituationen und sogar sexuellen Missbrauch ihr Selbstwertgefühl immer niedriger werden. Unzufriedenheit, innere Aggressivität, Depressivität, Ängste und psychosomatische Störungen können die Folge sein.

In der Partnerschaft aber auch anderen Beziehungen fällt es Menschen mit geringem Selbstwertgefühl schwer, Nähe und Distanz zu regulieren. Das heißt, es fällt ihnen z. B. schwer, Grenzen zu ziehen, wenn es angebracht ist. Es fällt ihnen schwer "nein" zu sagen, beispielsweise im Bereich der Sexualität oder gegenüber anderen Wünschen von außen.

Wie können wir mehr Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit gewinnen?

Verschiedene Strategien führen zu einem wachsenden Selbstwertgefühl und zunehmende Selbstsicherheit: 

Gemeinsam gehen die verschiedenen Methoden zur Verbesserung des Selbstwertgefühls von dieser Voraussetzung aus: Die Vorstellungen, die wir uns von uns selbst machen, unser Selbstbild, sind keine Tatsachen. Unser Selbstbild ist sehr subjektiv und gibt uns ein täuschendes, verzerrtes Bild von unserer Person, von unserer Lebensgeschichte und den für uns wichtigen Menschen. Wenn uns unser Selbstbild also zum Beispiel sagt: "Du bist ein Versager" oder "noch niemals hat es ein Mensch gut mit Dir gemeint" kann das ein sehr trügerisches Bild sein. Das heißt, das Bild von uns selbst ist kein "wahres" Abbild von unserer Person, ein anderer Mensch könnte uns ganz anders bewerten und wegen unserer Fähigkeiten und unseres Lebens beneiden.

Die verschieden psychologischen Strategien wollen daher den Umgang mit dem trügerischen Selbstbild verändern: Ein Ansatz ist, dass wir unser Leben besser verstehen, es aus verschiedenen Perspektiven beleuchten, so dass wir schließlich freundlicher, versöhnlicher und bejahender mit uns umgehen können.

1. Tiefenpsychologische Strategie: Wenn wir unsere Lebensgeschichte, unser Gewordensein und unsere sozialen Umgebungsbedingungen besser verstehen, werden wir unser Leben besser annehmen können, so wie es jetzt ist. Wir werden unsere Person, besonders unsere Grenzen besser annehmen können. Wenn es uns gelingt, unsere Kindheit besser zu verstehen, das Verhalten und die Motive unserer Eltern besser verstehen, werden wir unsere Eltern und damit uns selbst besser annehmen können.

Ein Beispiel: Aus der klinischen Praxis und Forschung wissen wir, dass Kinder und Jugendliche aus Trennungs- und Scheidungsfamilien häufiger als andere Kinder unter einem schwachen Selbstwertgefühl leiden. Viele sind wütend auf einen oder beide Elternteile, und am ehesten trifft ihre Väter diese Wut. Warum sind sie wütend und fühlen sie sich so wertlos? Weil sie glauben, dass ein oder beide Elternteile an ihnen und der Familie Verrat begangen haben. Sie können zum Beispiel so denken: Wenn der Vater seine Kinder wirklich geliebt hätte, hätte er sich nicht von der Familie getrennt und wäre nicht mit seiner Geliebten zusammengezogen. Viele Jugendliche können sich nicht vorstellen, dass ihr Vater bei einer Trennung genauso so leidet wie sie selbst. Viele Väter, deren Kinder bei der Mutter wohnen, haben große Sehnsucht nach dem Sohn oder der Tochter. Es war nicht fehlende Liebe gegenüber den Kindern, die zur Trennung der Familie führte. Es waren Probleme zwischen den Eltern, zumeist Entfremdung.

Oftmals sind die Hilfe, das Wissen und die Erfahrung eines professionellen Beraters und Therapeuten erforderlich, der den an mangeldem Selbstwert leidenden Menschen unterstützt, die Bedeutung der demütigenden vergangenen Erfahrungen besser in ihrem Sinn zu verstehen. Dann kann das eigene Leben und damit die eigene Person besser angenommen werden, die Selbstachtung steigt.

Aus der Sicht der Logotherapie ist es wichtig, einen Sinnfaden in der eigenen Lebensgeschichte zu entdecken und sich mit den schmerzhaften Lebenserfahrungen und den Menschen, die uns verletzt haben, zu versöhnen.

2. Strategie der Kognitiven Verhaltenstherapie: Die schädlichen inneren Dialoge, Selbstgespräche und Glaubenssätze müssen erkannt und verändert werden. Denn in den negativen Glaubenssätzen bilden wir die Wirklichkeit und die eigene Person verzerrt ab. Beispiel: Eine attraktive  Jugendliche kann nicht glauben, dass sie mit ihrem Körper zufrieden sein könnte. Sie nimmt ihren Körper als zu dick und unansehnlich wahr und leidet darunter. Sie vergleicht sich mit den Idealschönheiten der Werbung und unbewusst kritisiert sie sich selbst ständig. Deshalb will sie immer mehr abnehmen.

Man könnte diesem Mädchen helfen, wenn man seine kritischen Selbstabwertungen  immer wieder infrage stellt, bis sich ein der Wirklichkeit angemessenes Selbstbild aufbaut. Seine negativen Selbstgespräche müssen durch positive, selbstbejahende innere Dialoge nach und nach ersetzt werden.

Beispiel für positives inneres Selbstgespräch: Mein Körpergewicht entspricht dem Durchschnitt, was ein Blick auf die Waage beweist. In der letzten Woche bin ich zweimal von Jungen eingeladen worden. Darauf kann ich stolz sein ... usw.

Da die tiefsten negativen Glaubenssätze jedoch häufig unbewusst verborgen sind und sich im Laufe vieler Jahre gebildet haben, sind sie zu festen  Überzeugungen geworden. Sie können oftmals nur mit professioneller therapeutischer Hilfe aufgedeckt und dann durch spezifische Gesprächsstrategien des Helfers und weitere verhaltenstherapeutische Methoden verändert werden.

Neue Erfahrungen und Erfolgserlebnisse verändern das Selbstbild: Es ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der Verhaltenstherapie, dass Einsichten und Wissen über psychologische Zusammenhänge allein noch nicht zu mehr Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit führen. Die Versuche, allein durch positive Selbstgespräche oder positive Affirmationen mehr Selbstwertgefühl zu erreichen, misslingen in der Regel. Was hilft denn? Menschen müssen ihre Rechte, Stärken und Begabungen im Leben tatsächlich durchsetzen, leben und verwirklichen -  und das jeden Tag immer wieder. Wer unter einem geringen Selbstwertgefühl leidet, braucht positive Rückmeldungen und die Ermutigung durch andere Menschen. Das führt zur Korrektur negativer Glaubenssätze und stärkt das Selbstwertgefühl. Dieses führt dann zu mehr selbstsicherem äußeren Verhalten.

Wichtig sind Menschen, die uns echte Wertschätzung entgegenbringen. Wir brauchen Menschen, die uns nicht wegen unseres äußeren Erscheinung, der erotischen Anziehung, unseres Geldes, unserer Bildung oder unserer vorgespielten Rolle schätzen. Wir brauchen Menschen, die uns so akzeptieren und lieben, wie wir sind, wenn alle Rollen und Masken abgelegt sind und wir uns nackt gegenüber stehen. Ein Liebespartner hat hier einen wichtigen Einfluss, im guten wie im schlechten Sinne. Es ist das größte Glück, eine Partnerin zu haben, die mich mit allen meinen Schwächen trotzdem so akzeptiert wie ich bin. - Wer dagegen in einer Paarbeziehung entdeckt, dass der andere Partner dem eigenen Selbstwert durch häufige Kritik und zu wenige positive Bestätigung und zu wenig emotionales Engagement nicht gut tut, sollte sich daher ernsthaft fragen, ob eine Trennung nicht besser wäre. Die Suche nach einem anderen, liebevolleren Partner wäre dann die bessere Perspektive für ein gutes Selbstwertgefühl und mehr Lebensglück.

Auch in jeder Psychotherapie spielt die Wertschätzung durch einen Therapeuten oder eine Therapeutin, der/die den Klienten voll und ganz akzeptiert, die entscheidende Rolle, ohne die alle anderen Methoden wirkungslos sind. In der psychologischen Beratung oder Verhaltenstherapie werden dann in einem Klima der Wertschätzung zunächst in Rollenspielen und anderen Übungen neue Verhaltensweisen in einem Schutzraum erprobt. Zum Beispiel: Ein Angestellter übt, wie er in sprachlich angemessener Form gegenüber seinem Chef den Anspruch auf angemessenen Freizeitausgleich anmelden kann. Dann werden die neuen Verhaltensweisen unter "Life"-Bedingungen im wirklichen Leben erprobt. Eine Portion Mut ist erforderlich! Die neuen Erfahrungen und Reaktionen der Bezugspersonen werden anschließend ausgewertet. An den neuen Verhaltenszügen wird so lange herumgefeilt, bis sie der eigenen Person und der Situation angemessen sind und im Kontakt mit anderen Menschen ein Gefühl der Zufriedenheit und Sicherheit erreicht ist. Eine der wichtigsten Erfahrungen: Wer Mut zeigt, seine Rechte und Bedürfnisse zum Beispiel am Arbeitsplatz anmeldet, erlebt meist keine Katastrophen, sondern erwirbt Achtung und Respekt.

4 Säulen des Selbstwertgefühls

In der wissenschaftlichen Psychotherapie (nach Potreck-Rose und Jacob, siehe Literatur unten) sprechen wir davon, dass das Selbstwertgefühl (oder synonym der Selbstwert) auf 4 unabhängigen Säulen steht:

1. Selbstvertrauen/Selbstsicherheit, 2. Selbstakzeptanz, 3. Soziales Netz, 4. Soziale Kompetenz

 

Die vier Säulen des Selbstwertgefühls zeigen uns: Ein gutes Selbstwertgefühl können wir uns nicht einfach durch positives Denken, positive Selbstaffirmationen und positive Selbstgespräche einreden - so wie es uns manche Internetvideos vorgaukeln.

Die Beziehungen zu anderen Menschen sind wichtig! Die engsten Bezugspersonen unserer frühesten Kindheit haben schon bedeutsam unser Selbstwertgefühl besonders für die Selbstwertsäule "Selbstakzeptanz"beeinflusst. Der Einfluss anderer Menschen bleibt auch in späteren Jahren bestehen. Viele gute Freunde in einem realen sozialen Netz (nicht im Internet!) fördern das Selbstwertgefühl (Selbstwertsäule "Soziales Netz"). In diesem sozialen Netz brauchen wir jedoch soziale Kompetenz, insbesondere Kommunikationsfertigkeiten. (Selbstwertsäule "Soziale Kompetenz") Hierzu gehören sprachliche und nonverbale Ausdrucksfertigkeiten. Diese kann man trainieren. Tanz oder Theaterspiel sind z. B. hervorragende Möglichkeiten, die persönliche Ausdrucksstärke und das Selbstwertgefühl zu steigern. Wie wir in der ersten Selbstwertsäule "Selbstvertrauen" sehen: das Wissen, etwas gut zu können, steigert das Selbstwertgefühl. Vieles kann man trainieren: Ich kenne Jugendliche, die sind hervorragende Kletterer oder Sportler. Andere lernen Musikinstrumente und haben in Bands viele positive Selbstwert-Erfahrungen. Immer ist diese Erfahrung für das Selbstwertgefühl wichtig: Ich bin mit meiner Persönlichkeit und meinen Fähigkeiten bei anderen Menschen akzeptiert und willkommen.

Wann hat ein Mensch genügend Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit erreicht?

Wenn er/sie sich nicht mehr von anderen Menschen verletzen lässt, sei es in der Partnerbeziehung, unter Freunden oder am Arbeitsplatz - wenn er/sie Konflikten mit anderen Menschen nicht mehr ausweichen muss - wenn er/sie "nein" sagen kann - wenn er/sie Lob annehmen kann und auch andere loben kann - wenn er/sie zu persönlichen Fehlern stehen und sich entschuldigen kann - wenn er/sie Forderungen stellen kann, ohne anmaßend zu sein - wenn er/sie nicht mehr so abhängig von oberflächlichen Werten ist wie: materiellen Gütern, körperlicher Attraktivität oder gesellschaftlichem Status ...

Im übrigen kann auch ein zu starkes Selbstwertgefühl seine Schattenseiten haben: Es kann narzisstische Züge annehmen und am Arbeitsplatz oder in der Partnerschaft zu Beziehungsstörungen führen. Niemand ist gern mit einem Menschen zusammen, der sich ständig als überlegen darstellt. Kritik, Spott oder Widerspruch werten Selbstwertstarke schnell als persönlichen Angriff und wehren sich aggressiv dagegen. 

Diese Texte im pdf-Format können Sie herunterladen:

Das verlorene Selbstwertgefühl

Masken des Minderwertigkeitsgefühls

Quellen des guten Selbstwertgefühls

Geburt und Anfänge des Selbstwerts und Selbstvertrauens

Psychisch kranke Mütter: Was erleben ihre Kinder?

Selbstwertgefühl und Beziehungsprobleme

Wenn Eltern sich trennen - was die Kinder erleben, wie sie sich entwickeln

Von Sehnsüchten, Ängsten und Wegen zum Sinn


Neu erschienen:
 

Quellenangaben und Literatur zur Vertiefung:

0.) Jürgen Bendszus: Selbstwert und Beziehung. Quellen unserer Selbstachtung und was sie verletzt! 2019

1.) „Durch Schwangerschaftsstreifen gesunkener Marktwert?“ Beitrag einer Userin im Forum von ElitePartner. Im Internet unter: www.elitepartner.de/forum/frage/durch-schwangerschaftsstreifen-gesunkener-marktwert.45062/ 

2.) Mehr zu dem Thema und zur Stigmatisierung dicker Menschen in der Zeitschrift "Psychologie heute", Nov. 2018

3.) Zur entwicklungspsychogischen Forschung über das Selbstwertgefühl siehe auch: Robert Siegler/ Nancy Eisenberg/ Judy DeLoache/ Jenny Saffran, Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter, Berlin Heidelberg, 4. Aufl. 2016, S. 424 - 430

4.) Psychologie heute, 06/2016: „In Liebe verschränkt.“ Interview mit den Psychologen Prof. Franz Neyer und Christine Finn

5.) Friederike Potreck-Rose/Gitta Jacob: Selbstzuwendung, Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen. Psychotherapeutische Interventionen zum Aufbau von Selbstwertgefühl, 4. Aufl. 2007 (Klett-Cotta Verlag)  

6.) Verena Kast: Trotz allem Ich. Gefühle des Selbstwerts und die Erfahrung von Identität, 2003 (Herder Verlag)

 


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