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Einführung in die Logotherapie und sinnorientierte Psychologie


gelingendesleben.de

Die Logotherapie und Existenzanalyse ist eine international bedeutende  Sinnlehre gegen die Sinnleere unserer Zeit. Sie wurde von dem weltweit anerkannten Arzt und Philosophen Viktor E. Frankl (1905 - 1997) begründet.  "Logos" (griechisch) bedeutet auch "Geist" und "Sinn".  

Logotherapie bedeutet daher: auf den Sinn orientierte Psychotherapie. Eine Therapie, in der die geistige Dimension des Menschen eine herausragende Bedeutung hat.

Die Logotherapie ist auch eine Schule der Lebenskunst für alle Menschen, die einen Mangel an Sinngefühl oder Lebendigkeit verspüren und die
Zukunftssorgen und Lebensängste erleben.
Was sind die seelisch-geistigen Probleme unserer Zeit, warum ist die Logotherapie so aktuell?

Der Maler  Edward Hopper hat die Probleme unserer Zeit und das Lebensgefühl der Sinnleere in einem bekannten Bild zum Ausdruck gebracht. Es heißt:"Excursion into Philosophie". Eine Szene, die das Gefühl der inneren Leere nach dem Sexualakt wiedergibt: Eine nackte Frau liegt auf einem Sofa, das Gesicht gegen die Wand gewendet, nur ihr Hinterteil ist sichtbar. Der Mann sitzt zusammengesunken auf dem Rand des Sofas, ohne Freude und mit dem Gesichtsausdruck der Ratlosigkeit. Der sexuelle Kick, das High-Gefühl ist gerade vorbei. Jetzt ist die Welt für das Liebespaar wieder grau und öde. Welchen Sinn hat das Leben jetzt noch?

Viele Menschen haben heutzutage dieses Gefühl, dass der Sinnfaden gerissen ist. Die Welt ist entzaubert. In manchen Augenblicken kann man diese Misere vergessen.
Für einen begrenzten Augenblick können Lustgefühle erzeugen werden, etwa durch Selbstbefriedigung, rauschhafte Partys, Sex ohne wirkliche Liebe, Alkohol, Drogen oder den Kick von Videospielen. Diese Lusterlebnisse können jedoch nicht die Sehnsucht nach tieferem, nachhaltigen Lebenssinn und Glück erfüllen. Sie bieten höchstes kurzfristige emotionale Kicks, und man muss die Reize immer mehr steigern, wenn man ihre Intensität aufrechterhalten will.

Welche Möglichkeiten bietet die Arbeitswelt, um nachaltig Sinn und Erfüllung zu erleben? Arbeit, Leistung, Steigerung und Erfolg sind die Spitzenwerte unserer Gesellschaft. Diese Werte können die Lebensqualität einer Gesellschaft fördern. Wer aber diesen Werten verfällt sie überbewertet und verabsolutiert, wer das Leben außerhalb der Arbeit vernachlässt, kann seelisch krank werden. Burn-out, das heißt die Erschöpfungsdepression, ist eine der am meisten verbreiteten psychischen Erkrankungen.

So zog ein 45-jähriger erfolgreicher Manager eine Lebensbilanz. Er  musste feststellen, dass er trotz aller Erfolge ein sinnleeres Leben geführt hatte. Denn seine menschlichen Beziehungen waren verarmt, er war ein einsamer Mann. Das hatte ihn in eine depressive Krise geführt.

Ein 17-Jähriger schrieb über seine Eltern: Ein dickes Bankkonto, zwei Autos, ein Landhaus und eine Jacht ... Mein Vater ist die Leiter des Erfolges hochgeklettert und musste erkennen, dass sie nirgendwohin führt - man muss immer nur weiterklettern. Jetzt bekommt er Angst. Er leidet unter Depressionen und sein Alter macht sich bemerkbar. Auf dem Gipfelpunkt seines Ruhmes ist er ein gebeugter, verbrauchter Mann ... (Nach Peter Hahne, siehe Literaturliste Nr. 8)

 
Wie viele Beziehungen und Familien sind schon zerbrochen, weil sich Menschen im Beruf einseitig an Leistung, Erfolg, Ansehen ausgerichtet haben, vom Ehrgeiz getrieben! Wie viele Beziehungen und Familien scheiterten, weil Menschen auch privat nur an sich selbst dachten, an ihre eigene Selbstverwirklichung! Und die Bedürfnisse ihres Partners und ihrer Kinder vernachlässigten sie. Ein Beispiel ist die verbreitete Untreue eines Partners. Daher sehen Soziologen und Psychotherapeuten in narzisstischen Einstellungen ein großes Problem unserer Zeit.

Lebenskrisen

Unabhängig von diesen gesellschaftlichen Zeitproblemen können Menschen individuell durch psychische Erkrankungen, Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl, durch körperliche Erkrankungen, das Älterwerden oder durch Schicksalsschläge in Lebenskrisen geraten.

Zu diesen Schicksalsschlägen gehören schwere Unfälle, der Verlust eines geliebten Menschen oder eine lebensbedrohliche Erkrankung.

In allen diesen Situationen bietet die Logotherapie eine hoffnungsvolle Lebensperspektive. Weil es ihre Leitidee ist, dass in jeder Lebenssituation ein Lebenssinn entdeckt und erlebt werden kann. Wir können nicht immer glücklich sein. Ja, viele Menschen erleben viel mehr Leid als Glück. Aber selbst im Unglück kann Lebenssinn erfahren werden, auch wenn er oft tief verborgen ist unter der Last des Leides.

Die Logotherapie ist eine Hilfe auch für den Umgang mit
unveränderlichem Leid und Schicksal an. In seiner Diagnose über unsere Gesellschaft sagt der Fernsehjournalist Peter Hahne: "Wie man mit Niederlagen umgeht, darüber redet kein Mensch. Das passt nicht in unsere Fun-Kultur. Scheitern gehört zu den großen Tabuthemen unserer Hochglanzgesellschaft."  Viktor E. Frankl betrachtet dagegen das Leid als eine Herausforderung, die den einzelnen Menschen zu höchster innerer Reife führen kann. Frankl sagt auch: "Das Leiden macht den Menschen hellsichtig und die Welt durchsichtig."  Nach Peter Hahne führen Leid und Schicksal "zur Entlarvung dieser Welt als vergängliches Blendwerk. Selbst das größte Glück, die beste Gesundheit und höchste Stufe der Karriereleiter haben irgendwann ihr Ende." (Literaturliste Nr. 8)

Logotherapeuten schätzen daher weniger den Erfolg, umso mehr die Erfüllung, das erfüllte Leben, das jedem Menschen möglich ist. Denn jeder Mensch hat Begabungen, auch wenn sie noch unentdeckt sind. Jeder Mensch kann eine Lebensaufgabe haben, auch wenn sie noch nicht erkannt ist. Im Hier und Jetzt lässt sich immer ein Wert und Sinn entdecken, selbst wenn er zunächst verborgen ist. Und selbst das Leid und Unglück kann noch gestaltet werden, wenn wir in ihm einen Sinn entdecken.


Um diese Überzeugungen besser zu verstehen, müssen wir uns das Bild vom Menschen in der Logotherapie ansehen.
 

Das Bild vom Menschen in der Logotherapie


Die Ausgangshypothese ist: Nicht möglichst viel Lusterleben, Erfolg, Ansehen oder materielle Güter machen glücklich. Das ist auch nicht die tiefste Motivation des Menschen. Sondern die Entdeckung eines persönlichen Lebenssinns führt zu einem gelingenden und erfüllten Leben! Weil die Sehnsucht nach Lebenssinn das tiefste und wichtigste Streben und Motiv ist.

Was kann einem Menschen in einer bedrückenden Lebenssituation neue Hoffnung geben und ihn neu motivieren, auf das Leben zuzugehen? Um hierauf eine Antwort zu gebe, gehen wir nun etwas systematischer auf die Grundideen der Logotherapie ein.

Werte als Kräfte, die ins Leben ziehen

 

Um bei Menschen etwa im Falle einer Scheidung, einer Krankheit oder eines Schicksalschlages den Mut zum Leben zu neu wecken, muss nach dem verbliebenen Lebenswert gefahndet werden. Vielleicht können auch unerfüllte Sehnsüchte und Lebensträume entdeckt und neu belebt werden. Untersuchen wir die Sehnsüchte eines Menschen genauer, stoßen wir auf seine erahnten Werte, seine oft noch unverwirklichten Lebensmöglichkeiten, die ihre Anziehungskraft ausüben. Was sind Werte?

Werte scheinen auf, wenn Menschen sich fragen, an was sie ihr Leben ausrichten, wie sie leben wollen und was ihre Lebensträume sind. Man könnte sich selbst diese Fragen stellen:

 

  • Was ist mir im Leben wichtig?

  • Was ist in meinem tiefsten Inneren wichtig für mich?

  • Wofür möchte ich mich in meinem Leben einsetzen?

  • Was für ein Mensch möchte ich sein?

  • Woran kann ich mein Herz hängen?

  • Was sind meine Träume für eine bessere Zukunft?

  • Was würde meine Leidenschaft entfesseln?

  • Was würde ich unternehmen, wenn ich weniger Ängste und mehr Selbstvertrauen hätte?

Zu welchen Antworten und Werten könnte man bei diesen Fragen gelangen? Vielleicht zu diesen:

 

-  „Mein Lebenstraum wäre ein eigenes Haus“

– „Ich wünsche mir ein höheres Einkommen“

– „Die Gesundheit ist mir wichtig“

– „Ich möchte glücklich sein“

-  „Ich möchte mehr Sex und Zärtlichkeit haben“

– „Ich möchte ein Instrument spielen können“

– „Ich möchte mehr Verantwortung im Beruf haben“

-  „Ich wünsche mir mehr Anerkennung bei den Kollegen“

– „Ich liebe Naturerlebnisse und das Wandern in den Bergen“

– „Meine Sehnsucht ist, mehr echte Freunde zu haben"

– „Ich möchte nach einem liebevollen Lebenspartner suchen“

– „Ich wünsche mir ein eigenes Kind“

– „Meinen Kindern helfen, dass sie eine gute Zukunft haben“

– „Ich möchte im Tierheim mithelfen“

– „Ich habe Freude an der Gestaltung meines Gartens“

 

In diesen Antworten zeigen sich die Werte. Sie sind etwas Wünschbares, das Gute. Sie sind Lebenszwecke und Lebensmöglichkeiten, deren Verwirklichung zu einem besseren, sinnvolleren und glücklicheren Leben führt. Werte sind also Optionen, Möglichkeiten vor dem Hintergrund der Wirklichkeit, die aber im realen Leben, im Hier und Jetzt, erst gelebt werden müssen. In dieser Werteverwirklichung können Menschen Sinngefühl, Glück und Flow erleben.

 

Das Leben eines Menschen ist wie ein Film. Der Regisseur seines Lebensfilms ist nun jeder Einzelne selbst, der an seinem eigenen Lebensdrehbuch schreibt. Und an diesem Drehbuch schreibt er sein ganzes Leben. Aber was gibt diesem Regisseur die Ideen, die Impulse, die Richtung und Orientierung? Es sind die Werte, die ihm beim Lebensvollzug im Hier und Jetzt unbewusst oder bewusst den Weg weisen. Im Bild gesprochen können Werte wie die Sterne sein, die wir bei der Navigation unseres Lebensschiffes brauchen, damit wir den Stürmen und Krisen des Lebens nicht hilflos ausgeliefert sind, nicht ziellos herumtreiben, nicht das Leben sinnlos vergeuden, sondern immer wieder Kurs auf das Sinnvolle halten können.

 

Diese Werte können auf das Leben des Einzelnen eine magnetische Anziehungskraft ausüben, die den niedergeschlagenen Menschen aus dem Dunkel der Selbstbezogenheit und niederziehenden Gefühle herausziehen können, wenn sie in den tieferen Schichten seiner Persönlichkeit eine Begabung, einen Lebenstraum oder eine Vision berühren und ansprechen. Das sind dann aber nicht die materiellen Güter und Werte, sondern diejenigen Werte, die zu der Erfüllung und Verwirklichung einer Arbeit, einer Aufgabe, einer Berufung, einem schöpferischen Tun oder zur Hingabe an die Kunst, Kultur und die Schönheit der Natur auffordern. Am stärksten ist jedoch in jedem Menschen die Sehnsucht nach echten liebevollen Beziehungen.

 

Eigentlich leben Menschen im Normalfall eher unbewusst ihre Werte. Nur in Lebenskrisen, wenn das Leben in eine Sackgasse geraten ist, stellen sie sich die Frage, nach welchen Werten sie bisher eigentlich gelebt haben. Dann kann es sein, dass sie mit ihren Fehleinstellungen und Irrtümern konfrontiert werden. Welche Irrtümer könnten das sein?

 

Es könnte die Fehleinstellung sein, um jeden Preis glücklich zu sein und der Verantwortung oder dem Leid aus dem Weg zu gehen. Das Glück lässt sich aber gar nicht direkt erzielen und erzeugen. Denn es muss einen Grund geben, warum wir glücklich sein können. Glück ist das Begleitgefühl, wenn wir persönlich bedeutsame Werte und unsere Lebensträume verwirklichen.

 
Es gibt vier Fehleinstellungen im Hinblick auf die Werte und die Frage, wie man ein gelingendes Leben erreichen kann:

 

  • Die fehlende Wert- und Sinnorientierung schlechthin und ein eher triebgesteuertes Leben, das auf die Befriedigung von körperlichen Triebbedürfnissen wie Sex oder Alkohol, oberflächlichen Genuss des Lebens, materiellen Werten und den gesellschaftlichen Schein ausgerichtet ist.

 

  • Die Außen-Orientierung an einem einzigen oder wenigen gesellschaftlichen Spitzenwerten wie Leistung, Erfolg, Attraktivität.

 

  • Schwierigkeiten, die eigenen Bedürfnisse und im unbewussten Selbst verborgene eigentliche Identität, die Werte, Begabungen, Lebensmöglichkeiten und Visionen zu spüren. - Dieses Problem betrifft besonders Menschen mit zu geringem Selbstwertgefühl, die sich zu sehr an andere angepasst haben. - Auch psychische Erkrankungen wie Depressionen können den Zugang zu den eigenen Bedürfnissen und Werten verhindern.

 

  • Die zur Passivität führende Einstellung, Opfer des unbarmherzigen Schicksals zu sein. Oder die kindliche und magische Erwartungshaltung, dass irgendein Prinz kommen oder ein Wunder geschehen müsste, um von der bedrückenden Lebenslage erlöst zu werden.

 

Aber entspricht es der Natur und dem Wesen des Menschen, das eigene Leben passiv aus der Hand zu geben? Mit dieser Schlüsselfrage im Hinblick auf Sinn und Glück befasst sich die Logotherapie und Existenzanalyse.

 

In der Logotherapie geht es nun darum, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass wir unser Leben nicht dem Zufall überlassen sollten, nicht auf irgendein Wunder wie dem Gewinn in der Glückslotterie hoffen sollten und die Verantwortung für unser Glück nicht an jemand anders delegieren können. Wir sollten den Roman unseres Lebens selbst schreiben. Was könnte uns daran hindern?

Logotherapeuten werden nicht müde, immer wieder auf die uns gegebene Freiheit hinzuweisen. Wir besitzen diese Freiheit, trotz aller Begrenzungen, seelischen Belastungen und Prägungen durch das Schicksal. Dank der Kräfte der geistigen Dimension, die neben dem Physischen und Psychischen die dritte und tiefste Dimension des Menschen ist, sind wir frei und daher aufgerufen, unser Leben und Schicksal sinnvoll zu gestalten.

Drei Dimension der Persönlichkeit

Das Physische, das Psychische und das Geistige sind die drei Dimensionen, auf denen unser seelisches Leben beruht. In der  körperlich-seelischen Dimension erleben Menschen wie auch die Tiere Lust oder Unlust. Menschen in der Krise erleben auf dieser Ebene Angst, Aggression, Schmerz und Trauer. - Das Physische und Psychische sind die Bausteine des seelischen Lebens. Der Baumeister und Gestalter der gesamten Persönlichkeit ist jedoch das Geistige.

In der geistigen Dimension spüren Menschen ihre Freiheit und erleben – wenn sie Werte verwirklichen – Freude, Sinn, Erfüllung und Glück. Allerdings können wir in dieser Dimension auch Verzweiflung und den geistigen Schmerz über das Unvollkommene und das Leid erleben, die wir in der Welt und unserem eigenen Leben sehen. Da der Mensch eine Einheit ist, manifestiert sich der Geist auch auf der psychophysischen Ebene und beeinflusst die psychosomatischen Prozesse. In der Philosophie des Geistes und in der Psychoneuroimmunologie wird versucht, die Vermittlungsvorgänge zwischen Geist, Psyche und Körper besser zu verstehen.

Durch welche weiteren Qualitäten zeichnet sich das Geistige aus?

 

Eine seiner Qualitäten ist die Fähigkeit zur „Selbstdistanzierung". Es ist die Fähigkeit, das eigene Leben, die eigenen belastenden Emotionen und Gedanken aus einer ruhigen, distanzierten Perspektive zu betrachten. So müssen wir nicht mit unseren Sorgen verschmelzen. Es gibt in unsere Person einen unverletzlichen Teil, einen Personkern, von dem aus die distanzierte Beobachtung unseres Lebens erfolgen kann. Diese geistige Qualität kann man trainieren. Auch andere therapeutische Richtungen mit fernöstlichen Einflüssen erkennen diese geistige Qualität und nennen sie zum Beispiel das „Beobachtenden Ich“. Man kann diese geistige Qualität in der Meditation nutzen, um mehr Gelassenheit und Abstand von den Sorgen des Alltags zu erreichen.

 

Selbsttranszendenz

 

Eine weitere geistige Qualität ist die „Selbsttranszendenz“. Was meint Viktor Frankl damit? „Darunter verstehe ich den anthropologischen Tatbestand, dass Menschsein immer über sich selbst hinaus auf etwas verweist, das nicht wieder es selbst ist, - auf etwas oder jemanden: auf einen Sinn, den ein Mensch ausfüllt, oder auf ein mitmenschliches Sein, dem er da begegnet. Und in dem Maße, in dem der Mensch sich selbst transzendiert, verwirklicht er auch sich selbst: im Dienst an einer Sache – oder in der Liebe zu einer anderen Person! Mit anderen Worten: ganz Mensch ist der Mensch eigentlich nur dort, wo er ganz aufgeht in einer Sache, ganz hingegeben ist an eine andere Person. Und ganz selbst wird er, wo er sich selbst übersieht – und vergisst.“ (Viktor E. Frankl, Literaturliste Nr. 2, S. 160)

 

Was bedeuten diese Sätze? Sie drücken die tiefste Motivation des Menschen aus. Die tiefste Motivation besteht nicht in der Befriedigung von psychophysischen Bedürfnissen wie Sexualität, physisches Wohlbefinden oder Selbstwert und Macht. Sie besteht nicht in der Erlangung einer inneren Homöostase, eines seelischen und körperlichen Gleichgewichtszustands. Sie besteht nicht in der Verwirklichung möglichst vieler Facetten und Begabungen der eigenen Persönlichkeit, also in der narzisstischen Ichorientierung. Wenngleich auch diese Motivationen zum Menschen gehören, machen sie nicht sein tiefstes Streben aus.

 

Die tiefste Motivation besteht darin, in der Überschreitung der Ich-Grenze, in der Selbsttranszendenz, sich hinzugeben und aufzugehen in einer „Sache“ oder einem anderen Menschen, auf diese Weise die Welt und ihre Werte zu erfassen, zu verstehen, zu verwirklichen und dadurch Sinn und Liebe zu erleben.

 

Zur der auf die Werte gerichteten Selbsttranszendenz sind alle Menschen befähigt, unabhängig von sozialem Milieu, Intelligenz und Bildungsgrad. Und die Verwirklichung von Werten durch die selbstvergessene Hingabe an sie ist in einer unendlichen Zahl von Lebenssituationen in den Hier- und Jetzt-Augenblicken möglich.

 

Selbsttranszendenz ereignet sich zum Beispiel, wenn ich selbstvergessen mein eigenes Motorrad repariere, ein neues Möbelteil aufbaue oder wenn ich Gitarre spiele und ganz dabei aufgehe. Sie kann beim Bergsteigen und beim Verschmelzen mit der Natur erlebt werden. Wenn ich in einen Sonnenuntergang versunken bin und mich selbst und alle Sorgen vergesse. Oder sie kann in der Liebe zu meinem Kind und meiner Partnerin erfahren werden. Aber auch in der liebevollen Versorgung eines hilfsbedürftigen Menschen. So ist die Fähigkeit zur Selbsttranszendenz die Bedingung für die Überwindung von Langeweile, innerer Leere und Sinnlosigkeit. Diese Idee ist der Selbsttranszendenz ist auch von der Flow-Forschung, der Wissenschaft von den optimalen Erlebniszuständen, übernommen und weiterentwickelt worden.

 

Wenn Menschen zum Beispiel unter zu geringem Selbstwertgefühl leiden, könnten sie durch diese Erkenntnisse auch zu der heilsamen Überzeugung gelangen, dass die Höhe des erlebten Selbstwerts für die Erlangung von Sinn und Glück im Leben eigentlich gar nicht so wichtig ist. Der Schlüssel zu Sinn und Glück liegt darin zu lernen, sich selbst und die Sorge um das Selbstwertgefühl und andere Probleme ganz zu vergessen. Indem wir uns dank der Fähigkeit zur Selbsttranszendenz auf die vielen Werte der Welt und die Beziehung zu anderen Menschen einlassen und auf diese Weise Erfüllung finden. Auf diese Weise bereichern wir unser Leben und unsere Persönlichkeit durch unverlierbare Sinnerfahrungen und stärken das Wertgefühl für uns selbst.




Die geistigen Dimension - Raum der Freiheit


Durch die geistigen Fähigkeiten der Selbstdistanzierung, der Selbsttranszendenz und des "Willens zum Sinn" (Viktor Frankl) können wir uns gegen unser Schicksal stellen, ihm "trotzen" und sind ihm nicht völlig ausgeliefert.  So schreiben zum Beispiel manche Menschen selbst bei schwerer Krankheit noch Gedichte und sind kreativ. Andere Menschen lassen sich durch körperliche Behinderungen nicht entmutigen, sie trotzen ihrem Schicksal und nehmen sogar an der Olympiade teil. Es gibt viele andere Beispiele, wie Menschen trotz schwerer Lebenssituation ihre positive, lebensbejahende Einstellung nicht verlieren und Lebenssinn erfahren.
Intuition

Eine weitere Qualität des Geistes ist die Intuition. Im Akt der Intuition vermögen wir die Werte zu erspüren, die von uns verwirklicht werden sollten. Diese Intuition führt uns zu den großen Lebensträumen und Visionen unseres unbewussten Selbst. Aber die Intuition offenbart uns auch die vielen einzelnen Wertmöglichkeiten, die wir im ganz normalen Alltag im Hier und Jetzt leben und erfüllen können.

Welche Werte erkannt und welcher Sinn gelebt werden sollte, kann uns niemand wie ein Rezept verschreiben.

Aufgrund der Individualität, der Einzigartigkeit, der Lebensgeschichte jedes Menschen einerseits und aufgrund der Einmaligkeit und Besonderheit jeder Hier- und Jetzt-Situation andererseits ist immer wieder neu zu entscheiden, welche Wertoption im Augenblick verwirklicht werden sollte. Wenn wir den Zugang zu unserem unbewussten Selbst und unserer Intuition haben, werden wir es ahnen und spüren, was die gegenwärtige Stunde von uns fordert.

 

Dank unserer geistigen Kräfte und unserer Intuition haben wir also das Vermögen, die Fülle, die vielen Sinn stiftenden Lebens- und Erlebnismöglichkeiten der Welt, das sind die Werte, zu entdecken und in ihnen aufzugehen. Sinnerfahrung ist in jeder Lebenslage möglich. Selbst das Leid kann noch sinnvoll gestaltet werden. Weil es in jeder Lebenssituation einen Wert gibt, der verwirklicht werden kann. Viktor Frankl hat in einem der bedeutendsten Literaturwerke, in dem autobiographischen Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“, gezeigt, wie er selbst diese Überzeugung als ärztlicher Häftling im Konzentrationslager gelebt hat und welche Sinnerfahrungen ihm geholfen haben zu überleben.

 

Wenn selbst noch im Konzentrationslager Leben gestaltet und Sinn erfahren werden kann – sollte dies nicht jedem Menschen Hoffnung geben und besonders denjenigen mit einem geringen Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen Mut machen, dass auch sie in ihrem Leben noch viel mehr Sinn und vielleicht auch Glück erreichen können als bisher? Damit sie Potentiale ihres Lebens noch viel mehr ausschöpfen. Der Schlüssel hierfür liegt in der leidenschaftlichen Suche nach den Werten, die dem Leben neue Impulse geben.

 

Geistige Qualitäten
 und geistige Gefühle



Selbstheilungskräfte

Außer der Selbstdistanzierung und der Selbsttranszendenz gibt es weitere geistige Kräfte, die in Lebenskrisen unsere menschlichen Selbstheilungskräfte sind. In der Logotherapie ist es das Ziel, dass diese Kräfte in den Klienten geweckt werden.

Diese geistigen Kräfte vollziehen sich in geistigen Akten. Man kann sie nicht objektivieren. Man kann sie nur selbst leben. Alle Versuche der Philosophie des Geistes, diese Kräfte auf die psychophysische Dimension zu reduzieren, blieben bisher erfolglos. So bleiben diese geistigen Kräfte letztlich ein Geheimnis. Man kann somit nur im Glauben  annehmen, dass sie ein Geschenk unseres Schöpfers sind.

 

Die Methoden der Logotherapie

 

In der Praxis wird die Logotherapie als eine integrative Therapie verwirklicht. Sie lässt sich gut mit der kognitiven Verhaltenstherapie, aber auch mit tiefenpsychologischen Methoden verbinden. Ein neueres vielversprechendes Therapiemodell, die Akzeptanz-Commitment-Therapie (ACT), verbindet in besonders gelungener Weise verhaltenstherapeutische, achtsamkeitsbasierte und logotherapeutische Leitideen und Therapiestrategien. (Literaturliste Nr. 10)

In der Praxis wenden integrativ-logotherapeutisch orientierte Psychotherapeuten und Lebensberater diese Methoden an:

  • Existenzanalytische Gesprächsführung (Literaturliste Nr. 7)

  • Imaginationsverfahren (siehe auf dieser Homepage unter Imagination)

  • Dereflexion (Literaturliste Nr. 3)

  • Paradoxe Intention (siehe Literaturliste Nr. 3)

  • Biografisches Arbeiten

  • Methoden zur Differenzierung des Wertesystems

  • Arbeit mit Zielen

  • Selbstmanagement-Methoden

  • Identifizierung dysfunktionaler Gedanken im Sinne der Kognitiven Therapie

  • Atem-Meditationen

  • Kreativ-darstellende Methoden

  • Arbeit mit künstlerischer Literatur

  • ... und weitere Verfahren

 

Quellen und Weiterführende Literatur:

0. Jürgen Bendszus: Selbstwert und Beziehung 

1. Jürgen Bendszus: Von Sehnsüchten, Ängsten und Wegen zum Sinn. Einführung in die sinnorientierte Psychologie

2. Viktor E. Frankl: Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse

3. Elisabeth Lukas: Lehrbuch der Logotherapie. Menschenbild und Methoden

4. Viktor E. Frankl/Franz Kreuzer: Im Anfang war der Sinn. Von der Psychoanalyse zur Logotherapie

5. Jörg Riemeyer: Die Logotherapie Viktor Frankls

6. Alfried Längle: Sinnvoll leben. Logotherapie als Lebenshilfe

7. Wolfram Kurz/Franz Sedlak (Hrsg.) Kompendium der Logotherapie und Existenzanalyse

8. Peter Hahne: Schluss mit lustig. Das Ende der Spaßgesellschaft

9. Jürgen Kriz: Grundkonzepte der Psychotherapie

10. Russ Harris: Wer dem Glück hinterherrrennt, läuft daran vorbei 

 

© 2019 Jürgen Bendszus, Dipl.-Pädagoge, berechtigt zur Psychotherapie (HPG)

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