Imagination - Psychotherapie
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Imaginationen in der Psychotherapie

 Heilender Umgang mit inneren Bildern

 



Neu als Taschenbuch !

Hier erfahren Sie:

Was  Imaginationen sind

und wie wir durch sie mehr

Selbsterkenntnis,
 
Selbstwertgefühl,

Lebensglück,
 
Gesundheit und

Sinn im Leben erreichen.
 


Themen:

Von der Macht und Bedeutung innerer Bilder

Imaginationen als Fenster zur inneren Welt des Unbewussten

Imaginationen als Wege zur Bewältigung von Beziehungsproblemen, Ängsten und  seelischen Schwierigkeiten

Begegnung mit den heilenden Kräften der inneren Welt

Aktive Imagination nach C. G. Jung

Wertorientierte Imagination in der Logotherapie   

 

1. Was sind Imaginationen?

 

Imaginationen sind innere Bilder, Phantasien und Vorstellungen, die in unserer Seele ablaufen. Mit dem Begriff Imagination bezeichnen wir zugleich eine therapeutische Methode.  Das Wort Imagination stammt aus dem Lateinischen: Imago bedeutet  „das Bild“. Beispiel: Ein Lehrling steht vor der theoretischen Abschlussprüfung und entwickelt Tage zuvor Prüfungsängste. In seinen Phantasien sieht er immer wieder einen dunklen Raum, in dem er vor der Prüfungskommission steht. Die Prüfer sieht er als unfreundliche, drohende Gestalten. Eine andere Imagination: Eine Büroangestellte langweilt sich bei der Arbeit. Immer wieder drängen sich ihr Phantasien vom bevorstehenden Urlaub auf: Sie sieht einen weiten, gelben Strand am Meer, sie riecht den salzigen Gehalt des Wassers. Sie spürt auf ihrer Haut eine sanfte Windbrise. Ihre Kinder spielen neben ihr im blauen Wasser, weiße Seevögel umkreisen sie, sie fühlt sich frei und entspannt mit ihrem Mann, der neben ihr liegt.

Diese Beispiele zeigen: Innere Bilder und Phantasien, also Imaginationen, sind ein natürliches Phänomen im Lebensalltag. Es gibt schädliche Imaginationen, als Ausdruck von innerem Unwohlsein und von Ängsten. Es gibt andererseits Imaginationen, die Ausdruck unserer tiefsten Sehnsüchte sind und mit Gefühlen von Wohlbefinden und Freiheit verbunden sind.

Die Bilder unserer Imaginationen sind verwandt mit den in unseren Nachtträumen erlebten Bildern. Sie sind vielfach Ausdruck unserer Konflikte, Ängste und Probleme, aber auch Sehnsüchte. Sowohl Traumbilder und Traum-Symbole wie auch Imaginationsbilder müssen häufig entschlüsselt werden, um ihre Bedeutung zu verstehen. Imaginationen sind jedoch dem bewussten Erleben näher als Träume. Damit bietet sich die Möglichkeit, sich bewusst mit ihnen auseinander zu setzen. Diese Möglichkeit kann in der Psychotherapie genutzt werden.  

 

Wann hilft die Arbeit mit Imaginationen als psychotherapeutische Methode?

Imaginationen in der Therapie können benutzt werden, um anstehende Probleme zu lösen, zum Beispiel Beziehungsprobleme. Zum Beispiel könnte in der bildhaften Vorstellung der Ablauf eines bevorstehenden Konfliktes mit einem Vorgesetzten visualisiert werden. Der Klient/ die Klientin könnte sich verschiedene Lösungen bildlich vorstellen und könnte in der Vorstellung üben, die beste Lösung zu verwirklichen. (Probehandeln in der Vorstellung) In der therapeutischen Fachsprache würden diese inneren Bilder eher Visualisierungen genannt, die von unserem bewussten Ich kontrolliert werden.

Es gibt andere Typen inneren Bildern, von Imaginationen, die aus den Tiefen unseres Unbewussten heraus entstehen und vom Ich weniger kontrollierbar sind. Sie entstammen im Sinne der Tiefenpsychologie  Carl G. Jungs und Verena Kasts den Energiezentren unserer tieferen Emotionen, unbearbeiteter Konflikte, Komplexe  und unverarbeiteter Verletzungen der Vergangenheit. Therapeutisch begleitete Imaginationen helfen, dass sich die Klienten mit diesen häufig verdrängten negativen Kräften auseinandersetzen und sie verarbeiten können. Denn wenn diese negativen Kräfte bildhafte Gestalt gewinnen, ist die Auseinandersetzung mit ihnen möglich, und sie können verändert oder sogar vernichtet werden. Diese negativen Kräfte können zum Beispiel die verinnerlichten Stimmen und Bilder von Bezugspersonen sein, die in unserer Kindheit Schaden angerichtet haben. Stellen wir uns einen jungen Mann vor, der unter einem geringen Selbstwertgefühl und ständigen Selbstabwertungen leidet. Er weiß noch nicht, dass seine Probleme daher kommen, dass er als ein unerwünschtes Kind geboren wurde. Er hat es verdrängt, dass ihn seine Mutter häufig abwertete, tadelte und ihm die Schuld an ihrem eigenen misslungenen Leben gab. Imaginationen können ihm bildhaft zeigen, woher seine negativen Stimmungen kommen. Sie können ihn in die verdrängten Szenen der Vergangenheit führen. Nun hat der junge Mann die Chance, sich mit seiner verinnerlichten destruktiven Mutterbeziehung auseinanderzusetzen. Er kann dem vernachlässigten inneren Kind begegnen. Er kann auch neue, selbstheilende innere Bilder und Kräfte kennen lernen. Unter Punkt 3 ist weiter unten ein Beispiel für eine therapeutisch gesteuerte Imagination aufgeführt, die heilsame Wirkungen für Menschen mit zu geringer Selbstannahme und zu geringem Selbstwertgefühl hat.

Aus Sicht der Logotherapie liegt hinter dieser unbewussten Schicht der ungelösten Konflikte und Probleme eine noch tiefere Schicht: Es ist der Raum des geistig Unbewussten, Ort der Selbstheilungskräfte, Raum der Freiheit, der Hoffnung, der Liebe und der Spiritualität. Imaginationen können als „innere Wanderungen“ in diese tiefste Schicht der Person (geistige Tiefenperson nach Viktor Frankl) führen und in einer Kette von Imaginationen neue heilende, tröstende und Hoffnung gebende Bilder hervorrufen.  (Beispiele weiter unten!) Aus dieser tiefen Schicht können auch Visionen für die Zukunft entstehen, die unserem Leben neuen Antrieb und Sinn geben. Diese Imaginationen in die und aus den geistigen Tiefenschichten heraus hat der Logotherapeut Uwe Böschemeyer erforscht und sie Wertorientierte Imaginationen genannt.

 

2. Praxis und Methodik der Arbeit mit Imaginationen

Imaginationsübungen können einzeln oder in kleinen Gruppen praktiziert werden. Sie sollten anfangs immer von einer psychotherapeutisch geschulten Fachkraft begleitet werden. Dann können sie später auch allein zum Beispiel mit Hilfe einer CD praktiziert werden.

a. Imaginationsübungen beginnen immer mit einer kurzen Entspannungsübung. Häufig spüren die Klienten am Anfang die Unruhe ihrer Gedanken. Sie müssen sich zunächst - zum Beispiel durch eine Atementspannung - vom Stress des Alltags befreien: Therapeut: „Schließen Sie die Augen! Spüren Sie, wie es in Ihnen atmet! Nehmen Sie fünf tiefe Atemzüge. Dann lassen Sie nun ihren Atem frei, so dass es ganz von selbst in Ihnen atmet usw.... „

Auch sogenannte Achtsamkeitsübungen dienen in dieser Phase der Entspannung. Ebenso kann eine ruhige, langsame Musik entspannende Wirkungen haben.

b. In der zweiten Phase kann der Therapeut dem Klienten durch Nennung von Einstiegssymbolen helfen, die Wanderung in die innere Welt anzutreten. Es kommt darauf, die Wahrnehmung der äußeren Welt mehr und mehr zu vermindern und sich auf den Fluss der inneren Bilder zu konzentrieren. Einstiegssymbole lösen Assoziationen und Imaginationen aus, die mehr der eigenen persönlichen inneren Welt entstammen. Wichtige Einstiegsmotive und Symbole sind: Motiv „Haus“ - Hilfe des/der Therapeuten/Therapeutin: „Stellen Sie sich das Haus Ihrer Kindheit vor ... Gehen Sie um dieses Haus herum.... Treffen Sie jemand? ... usw. „  Das Haus ist ein „Stimulus“, ein Reiz von großer Dichte. Es ist ein Symbol für den Raum unserer Persönlichkeit, es kann weitere Assoziationen und Imaginationen auslösen, die zu tieferen Problemen oder Sehnsüchten führen.

Motiv „Baum“ - Hilfe des Therapeuten: „Stellen Sie sich einen oder mehrere Bäume vor ... In welcher Umgebung steht der Baum? Wie ist das Wetter? ...Können Sie den Baum riechen? ...“ Imaginationen zum Baum drücken unseren gefühlten Standort in der Welt aus: Hat der Baum starke Wurzeln, spiegelt dieses unser persönliches Verwurzelt-Sein wider. Steht der Baum ganz allein, kann dieses gefühlte Einsamkeit ausdrücken. Ein imaginierter Baum kann blühen oder ohne Blätter sein und uns zu unserer Lebensgrundstimmung führen. Werden wir mit unserer inneren Leere (blätterloser Baum) konfrontiert, ist das therapeutische Nachgespräch von großer Wichtigkeit, damit wir nicht in einer depressiven Stimmung hängen bleiben! Imaginieren wir in einer Lebenskrise einen starken Baum mit tiefen Wurzeln, kann dieses in positivem Sinne bedeuten, dass wir nicht zu verzweifeln brauchen, weil wir in der Tiefe der Persönlichkeit verwurzelt sind und die Krise uns wegen unserer Wurzeln nicht umwerfen wird.

Motiv „Wasser“Hilfe der Therapeutin: „Stellen Sie sich Wasser vor. ... Wenn das Wasser bewegt ist, folgen sie seinem Laufe. ... Wie sieht die Umgebung aus, durch die das Wasser fließt? Ist das Wasser ruhig oder bewegt?... usw. „ Wasserbilder drücken aus, ob wir innerlich lebendig sind, oder ob etwas innerlich blockiert ist. In einer Therapie imaginierte ein depressiver Mann einen Fluss. Der Fluss war sehr kalt. An einer Stelle versperrte ein Berg den Lauf des Flusses. Der Fluss war in einer Schlucht eingezwängt und musste rückwärts fließen. Dieser Mann stand ganz am Anfang der Therapie und spürte nun die Enge und Blockaden in seiner Person. So kalt und eingeengt wie er in der Imagination den Fluss erlebte, so fühlte er sich auch im wirklichen Leben. Das Leben lag wie ein Berg vor ihm. Seine depressive Stimmung war durch eine Frühpensionierung ausgelöst worden. (Nach V. Kast, Seite 153 ff. , Literatur siehe unten!)

Weitere Einstiegssymbole können sein: ein Brunnen – der Eingang in eine Höhle – eine tief in die innere Welt führende Treppe ... 

Träume und Traumfetzen als Einstiegssymbole Eine Frau träumte von einer Katze, die auf dem Herd ihrer Großmutter saß. Die Katze starrte sie an und machte ihr Angst. Dann wachte sie auf. Um die tiefere Bedeutung dieses Angsttraumes zu verstehen, ließ sich die Frau zusammen mit ihrer Therapeutin auf eine Imaginationssitzung ein. In ihrer Imagination sah sie einen Raum, der sie an ihre Kindheit erinnerte. Es war die alte Küche ihrer Großmutter. Auch in der Imagination traf sie die Katze wieder, die groß und bedrohlich war. Die Klientin sah sich selbst als fünfjähriges Kind und war von wilden Augen der Katze beeindruckt. Die Therapeutin fragte: „Was würde die Katze Ihnen sagen, wenn sie sprechen könnte?“ Die Klientin: „Die Katze sagt: Dieser Platz auf dem Herd gehört mir.“ Nach Abschluss einer längeren Imaginationskette ergab das therapeutische Gespräch: Die Schwester der Klienten war früher in der Familie das Kätzchen. Dieses konnte lieb und anschmiegsam sein. Aber beide Schwestern rivalisierten um den besten Platz bei der Großmutter und dann wurde aus dem schmusenden Kätzchen eine fauchende, kratzende, aggressive Katze. Diese angstmachende "Schwester-Katze" der Kindheit verfolgte die Klientin bis in ihre Träume. (vgl. V. Kast, Seite 127 ff.!) – Imaginationen können also Träume verständlich machen, Vergessenes in die Erinnerung rufen und die Bedeutung des Trauminhaltes erschließen. Unverarbeitete Konflikte aus der Kindheit können erkannt und verarbeitet werden.

c. Eine Imagination kann bis zu 40 Minuten dauern. In dieser Zeit können eine ganze Reihe von inneren Bildern gesehen werden. Der Imaginand (Klient) teilt dem Therapeuten/der Therapeutin mit, was er/sie sieht. Verschiedene Sinnesorgane wie auch der Geruch, das Gehör, das Fühlen können angesprochen sein, wenngleich das innere Sehen von größter Bedeutung ist. Es kann aber auch sein, dass ein Imaginierender von einer wunderbaren inneren Musik fasziniert ist. Der/die Therapeutin begleitet die Imaginandin bzw. den Imaginanden und gibt während der Imagination Hilfen. Ist zum Beispiel der Imaginand in einer Sackgasse geraten und bleibt bei einem inneren Bild stehen, hilft der therapeutische Begleiter, die Bilder wieder in Fluss zu bringen. Der Therapeut achtet darauf, dass die Imaginandin nicht durch innere Bilder, die ängstigen können, übermäßig emotional belastet wird. 

d. Nach Abschluss der Imagination gibt es das verarbeitende therapeutische Gespräch. Der Sinngehalt der Imagination muss herausgearbeitet werden. Gefragt wird, welche Bedeutung die Imagination für das Leben des Klienten hat.

3. Therapeutisch hochstrukturierte Imaginationen

Therapeuten arbeiten ganz unterschiedlich mit Imaginationen im Rahmen der Therapie. Sie unterscheiden sich besonders hinsichtlich des Grades, indem sie die Imaginationen ihrer Klienten steuern, strukturieren und beeinflussen. An dieser Stelle werden stärker gesteuerte und vorstrukturierte Imaginationen vorgestellt. Davon ist die eher wenig steuernde Imaginationsarbeit zu unterscheiden, die dem Unbewussten des Klienten viel Freiheit lässt. Zu diesem letzteren Imaginationstyp zählen die Wertorientierten Imaginationen nach Uwe Böschemeyer.

Die Ärztin und Psychoanalytikerin Luise Reddemann hat in ihrem Buch "Imagination als heilsame Kraft"  gezeigt, welche therapeutischen Möglichkeiten es mit hochstrukturierten und gesteuerten Imaginationen gibt. Diese Imaginationen werden bei ihr in der Therapie mit traumatisierten Patienten angewendet (Diese  leiden - in der Fachsprache - an "posttraumatischen Belastungsstörungen"). In ihren Traumatherapien behandelt sie auch Opfer sexueller Gewalt, besonders Frauen. Ihre Imaginationen sind ein therapeutisches Element im Rahmen einer umfassenden klinischen Psychotherapie. Diese Imaginationsübungen können aber auch außerhalb der klinischen Therapie  bei weniger dramatischen Problemen angewendet werden. 

Menschen mit einem zu geringen Selbstwertgefühl könnten zum Beispiel von der folgenden Imagination profitieren, die von Luise Reddemann entwickelt wurde:

  Auszug einer einer Imaginationsübung:

Stellen Sie sich zunächst in Ihrem Herzen ein Licht vor, das es wärmt und hell macht ... Und lassen Sie dieses Licht in jeden Winkel Ihres Herzens kommen, damit das ganze Herz hell und warm wird .... 
Und dann stellen Sie sich vor, dass diese Wärme und Helligkeit aus dem Herzen sich im ganzen Brustraum ausdehnt und sich von dort weiter ausbreitet in den ganzen Körper, so dass der Körper erfüllt ist von der Wärme und Helligkeit des Herzens ...
Und jetzt lassen sie dieses Licht aus Ihrem Herzen durch die Fußsohlen austreten, so dass sich nach und nach ein Lichtkreis um Sie herum ausbildet. ... Und nun laden Sie die Person, die Sie vor zehn Jahren waren, in diesen Lichtkreis ein und geben ihr dann die Wärme und Helligkeit aus Ihrem Herzen, so dass dieses frühere Ich hell und warm wird .... Und dann laden Sie das kleine Kind, das Sie zwischen ein und vier Jahren waren, in den Lichtkreis ein. und geben Sie ihm die Wärme und das Licht aus Ihrem Herzen ... (ein weiterer Teil dieser Imagination wird hier übergangen) ... Der Abschluss der Imaginationsanweisung lautet: ... Und dann bekräftigen Sie für sich: Ich bin voll Wärme und Mitgefühl für mich selbst und ich vertraue darauf, dass mir diese Fähigkeit immer zur Verfügung steht, wenn ich will ... 

 

(Die komplette Übung ist von L. Reddemann auf Seite 56/57 aufgeführt. Literatur siehe unten!)

Imaginationen dienen auch dazu, verstandesmäßige, kognitive Einsichten erlebbar und fühlbar zu machen. Beispiel: Ein Klient leidet an zu geringer Selbstannahme, an zu geringem Selbstwertgefühl. In seinem „Kopf“, in seinem Denken weiß er, dass er genauso viel wie andere Menschen wert ist. Dieser Erkenntnis kann sein Gefühl jedoch keinen Glauben schenken. Wie kann er dazu kommen, dass er tief in seinem „Herzen“ fühlt, dass er ein wertvoller Mensch ist? Hilfreich kann hier die Arbeit mit Imaginationen sein, um ihn in seiner inneren Welt die Begegnung mit inneren Bildern zu ermöglichen, die ihn Selbstannahme fühlen lassen. 

Im Rahmen einer Psychotherapie - besonders in der Traumatherapie - kann es zu schmerzhaften Begegnungen mit belastenden Erfahrungen kommen. Nach Luise Reddemann dienen Imaginationen am Anfang der Therapie auch dazu, vor diesen Begegnungen eine genügende emotionale Stabilität und innere Sicherheit bei den Patienten aufzubauen. Hierzu dienen besonders die Übungen des inneren sicheren Ortes und des inneren Helfers.

Zum inneren sicheren Ort (Auszug aus der Imaginationsübung):

Lassen Sie Gedanken oder Vorstellungen oder Bilder aufsteigen von einem Ort, an dem Sie sich ganz wohl und geborgen fühlen. Und geben Sie diesem Ort eine Begrenzung Ihrer Wahl, die so beschaffen ist, dass nur Sie bestimmen können, welche Lebewesen an diesem Ort, Ihrem Ort, sein sollen, sein dürfen. Sie können natürlich Lebewesen, die Sie gern an diesem Ort haben wollen, einladen. Wenn möglich, rate ich Ihnen, keine Menschen einzuladen, aber vielleicht liebevoller Begleiter und Helfer, Wesen, die Ihnen Unterstützung und Liebe geben. Prüfen Sie, ob Sie sich dort mit allen Ihren Sinnen wohl fühlen. Prüfen Sie zuerst, ob das, was Ihre Augen wahrnehmen, angenehm ist für Ihre Augen. Wenn es noch etwas gibt, was Ihnen nicht gefällt, dann verändern Sie es .... Ist die Temperatur angenehm? .... Sind die Gerüche, die Sie wahrnehmen, angenehm? .... 

Auch außerhalb des Rahmens der Klinik und Psychotherapie können solche hier nur in Bruchstücken und unvollständig vorgestellten Übungen helfen, Stress abzubauen und ein psychophysisches Gleichgewicht herzustellen. In vielen Gesundheitskursen zum Beispiel an Volkshochschulen werden diese Übungen ganz selbstverständlich eingesetzt.

4. Aktive Imagination nach Carl G. Jung und Verena Kast

Einer der Väter der Tiefenpsychologe, C. G. Jung, fragte als erster, wie es zu einem Dialog des Unbewussten mit dem Bewussten kommen könnte, um das Wachstum der Persönlichkeit, das heißt die Individuation zu fördern. Er forderte dazu auf, sich dem Fluss innerer Bilder und Fantasien zu überlassen: "Betrachten Sie das Bild und beobachten Sie genau, wie es sich zu entfalten und zu verändern beginnt .... tun Sie einfach nichts, als beobachten, welche Wandlungen spontan eintreten ... Kommt eine Figur und spricht, dann sagen auch Sie, was Sie zu sagen haben. Auf diese Weise können Sie nicht nur Ihr Unbewusstes analysieren, sondern Sie geben dem Unbewussten die Chance, Sie zu analysieren." (nach V. Kast, S. 188/189) Verena Kast hebt als zentrales Merkmal der Aktiven Imagination hervor, dass trotz des Loslassens, des Fließen-Lassens der inneren Bilder dennoch die Kontrollfähigkeit des bewussten Ich nicht aufgegeben wird. Anders als im Nachttraum gibt das bewusste Ich in der Aktiven Imagination die Kontrolle nicht auf. In der Imaginationssitzung unterstützt und berät der Therapeut dieses bewusste Ich des Klienten, indem er durch behutsame Impulse, Anregungen und offene Fragen eingreift. Die aus dem Unwussten auftretenden Bilder bleiben nicht ungesteuert. Bewusstsein und das Unbewusste kommunizieren miteinander. 

Die Aktive Imagination im Rahmen der Psychotherapie unterscheidet sich von unseren Imaginationen, die wir im Alltag erleben. Manche Menschen, die an starken Ängsten leiden, werden im Alltag von angstmachenden oder zwanghaften Phantasien bedrängt, ohne dass sie sich gegenüber dieser Macht ihrer inneren Fantasien genügend wehren können. Dagegen ist es gerade das Ziel der Aktiven Imagination in der Therapie, dass die Herrschaft und Souveränität gegenüber quälenden Gedanken und Bildern gewonnen wird, indem die Klienten ihnen begegnen und lernen, mit ihnen umzugehen. Eine Frau erlebte zum Beispiel in ihren Fantasien eine Gestalt, die wie ein Richter aussah. Diese Gestalt machte ihr ständig Vorwürfe, was sie alles im Leben falsch gemacht habe. Die innere Gestalt sagte ihr: "Du hast Dein Leben verpfuscht!" In der Therapie ging es darum, sich mit dieser destruktiven inneren Gestalt, die ihr Selbstwertgefühl beeinträchtigte, durch Aktive Imagination kritisch auseinanderzusetzen. Das therapeutische Ziel war, die Klientin durch Aufbau einer kritischen Bewusstseinshaltung von ihrem selbstzerstörerischen Autoritätskomplex zu befreien. (Vgl. V. Kast, S. 191 ff.!)

5. Wertorientierte Imagination nach U. Böschemeyer

Der Logotherapeut und Theologe Dr. Uwe Böschemeyer hat methodisch viel von der Aktiven Imagination übernommen. Er geht jedoch von dem Menschenbild der Logotherapie aus, was den Charakter seiner Arbeit mit Imaginationen wesentlich verändert. Böschemeyer vertraut darauf, dass in der Tiefe der Person hinter der Schicht der Ängste, Komplexe und Konflikte ein noch tiefer liegender Raum der heilenden Kräfte liegt. In den Wertorientierten Imaginationen gewinnen diese heilenden Kräfte bildhafte Gestalt und führen zu beeindruckenden emotionalen Erfahrungen der Freiheit, des Angenommen- und Geliebtwerdens und des Lebenssinns. Nicht selten entdecken Klienten hierbei ihre verborgene Spiritualität und ihren verlorengegangenen religiösen Glauben. Diese Erfahrungen sind von außen nur schwer in Worte zu fassen, diese Imaginationen müssen persönlich erlebt werden!

In therapeutischen Gesprächen werden zunächst die Lebensthemen des Klienten herausgearbeitet, die seiner persönlichen Situation entsprechen. Innere Blockaden und Sinnfindungsbarrieren werden identifiziert. Eine Begegnung mit den heilenden Kräften und Gestalten in der Imagination ist oft erst dann möglich, wenn die hinderlichen Strukturen - durch Gespräche und auch wieder durch Imagination - genügend bearbeitet wurden.

Wertorientierte Imaginationen sind zielorientiert. Vor jeder Imagination wird das Ziel der Imagination, der "inneren Wanderung" benannt. Es gibt problemorientierte auf der einen und wertorientierte Imaginationsthemen und Ziele auf der anderen Seite. Böschemeyer kennt ca. 400 Imaginationsziele, zum Beispiel: 

Problemorientierte Imaginationsziele:  

die verborgenen Ängste - Ort der unbewussten Konflikte - Ort der Selbstablehnung - Aggression und Selbstaggression - der innere Gegenspieler - Ort der Depression - der innere Staatsanwalt - das verletzte innere Kind - Ort der Hoffnungslosigkeit - der innere Druck - die unbekannten Fesseln ... und viele mehr ...

Wertorientierte Imaginationsziele können z. B. sein:  

Ort der tieferen Liebe (bei Beziehungsproblemen) - Glut unter der Asche - das Selbstvertrauen - das unverletzte innere Kind - zur Freiheit - zum inneren Schwert - zum Stehvermögen - zum inneren Verbündeten  - zur sicheren Insel - zum Ort des Geliebtwerdens - zum inneren Zentrum - zur heilenden Quelle ... und viele mehr ...

Fallbeispiel: Ein Mann hatte seine Frau wegen einer anderen verlassen. Dennoch konnte er seine verlassene Partnerin nicht wirklich loslassen. Viele Gründe sprachen gegen die vergangene Beziehung, dennoch hielt ihn ein unklares Gefühl in der alten Beziehung fest. Nach vielen Gesprächen ließ er sich auf eine Imagination ein. Der Therapeut bat ihn, das innere Bild seiner Frau kommen zu lassen. Der Imaginierende sah seine Partnerin als inneres Bild wieder. Er erlebte Wehmut und Schuldgefühle, sie verlassen zu haben. Dann wurde er von den Augen seiner früheren Frau angezogen. Er spürte tief die Wärme dieser Augen. Und dann spürte er: "Meine Frau liebt mich immer noch" Und er fühlte: "Auch ich selbst liebe meine Frau immer noch". - Eine weitere Imagination hatte als Ziel den "Ort der tieferen Liebe". In dieser inneren Wanderung begegnete derselbe Mann zunächst seiner gegenwärtigen Geliebten im Tanz. In diesem Tanz ließ er sich verzaubern von der Schönheit der Geliebten. Doch dann überfiel ihn ein Gefühl der Fremdheit. In einer weiteren Szene innerhalb dieser Imagination befand er sich in einem tieferen, sonnendurchfluteten Raum. In diesem lichtvollen Raum begegnete er seiner Frau erneut. Während sich beide die Hände reichten, durchströmte ihn ein Glücksgefühl. Nun wusste er ganz sicher, dass sein Leben nicht mit der Geliebten, sondern nur mit seiner Frau eine glückliche Zukunft haben konnte.   (nach U. Böschemeyer)

Noch einmal: Diese kurze Beschreibungen und nur in Fetzen wiedergegebene Imaginationen im Internet reichen nicht aus, die tiefgreifenden Erfahrungen wiederzugeben, die durch Imaginationen möglich sind. Daher: Am besten sind Ihre eigenen Imaginationen geeignet, diese Erfahrungen nachzuvollziehen und ihre Lebensprobleme zu bewältigen.

In meiner Arbeit über Sehnsüchte, Ängste und Wege zum Sinn habe ich aus der Perspektive der PSI-Theorie (Persönlichkeits-Theorie nach dem Osnabrücker Psycholgen Prof. Julius Kuhl) näher beschrieben, wie bedeutsam es ist, dass Menschen den Zugang zu ihrem tieferen Selbst gewinnen: Traumdeutung, Traumarbeit und Imaginationsarbeit führten zum tiefsten Selbst und zu unserem kreativen Potential. Sie aktivieren die Selbstheilungskräfte und fördern den Mut zum Leben. Aber, wie ich auch gezeigt habe, es stellen sich der therapeutischen Arbeit auch mächtige, selbstentfremdende gesellschaftliche und individuelle Gegenkräfte in den Weg ...

6. Wann helfen Imaginationen? (Indikationsbereich)

Sie sind hilfreich für alle Menschen, die ihre Persönlichkeit weiterentwickeln und mehr Zugang zu ihrem Gefühlsbereich und zu den Tiefenschichten ihrer Person finden wollen.

Sie sind ein Mittel der Gesundheitsvorsorge und dienen der Stressbewältigung.

Sie helfen bei Beziehungsschwierigkeiten, sei es bei der Arbeit oder privat.

Sie sind hilfreich bei Problemen mit dem Selbstwertgefühl oder bei übermäßigen Ängsten und bei Depressionen.

Sie helfen, wenn Menschen in eine Lebenskrise geraten sind und nach mehr Sinn im Leben fragen. 

Sie unterstützen die Traumatherapie z. B. bei schweren Schicksalsschlägen und bei Erfahrungen von sexuellem Missbrauch.

Sie können im klinischen Rahmen medizinische Maßnahmen bei chronischen körperlichen Erkrankungen ergänzen. Imaginationen können zum Beispiel zur Unterstützung  der Behandlung von Krebs eingesetzt werden. Weltbekannt sind in diesem Zusammenhang die Visualisierungs-Methoden von Carl und Stefanie Simonton. 

Literaturempfehlungen zur Vertiefung:

Verena Kast: Imagination als Raum der Freiheit. Dialog zwischen Ich und Unbewußtem

Uwe Böschemeyer: Wertorientierte Imagination in Theorie und Praxis

Luise Reddemann: Imagination als heilsame Kraft. Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren

Jürgen Bendszus: Von Sehnsüchten, Ängsten und Wegen zum Sinn. Einführung in die sinnorientierte Psychologie, 2017

 © Jürgen Bendszus, Dipl.-Pädagoge
 berechtigt zur Psychotherapie (HPG)

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